Harald Jahn zeigt „Magische Orte“

Künstler: Harald A. Jahn

Mich fasziniert der Bedeutungswandel von Orten, die unbenutzt zurückgelassen wurden, nachdem sie zuvor Lebensmittelpunkt zahlreicher Menschen gewesen sind. Es sind Orte, an denen nur noch ein leises Echo vieler Lebensgeschichten wahrnehmbar ist. In alten Fabriken ist das zu spüren, oder in verfallenden Schlössern. In der großen Spinnerei überblickte der Vorarbeiter aus seinem Büro die Produktionshalle; vielleicht war er eine Respektsperson, vielleicht war er gefürchtet. Jetzt ist sein Büro genauso verlassen wie die Halle, beim Eintritt wird kein Respekt mehr gefordert. In alten Schlössern waren die Klüfte zwischen „der Herrschaft“ und den Bediensteten unüberwindbar; heute sind alle Räume gleichermaßen verfallen, die prachtvollen Säle der Eigentümer genauso armselig wie es die Kammern der Diener immer waren. Es sind Geschichten von gestrandeten Träumen, von vergessenen Leben – und die Bilder lassen spüren, wie wichtig die Beziehungen, die Anwesenheit der Menschen ist; ohne sie ist eine Fabrik so wertlos wie ein Schloss. In ihrem Verfall überraschen aber gerade diese Gebäude mit einer seltenen Qualität. Sie bieten, was wir heute verloren haben: Zeit und Raum im Überfluss. Die Qualität der Räume erschließt sich schnell – die stillstehende Zeit erst, wenn man einen dieser magischen Orte selbst besucht.

Harald A. Jahn, Wien 2013